Teil 3 unserer Serie zur Epigenetik | Sport als Schlüssel zu einem gesünderen Leben im Alter

Menschen, die ihr Leben lang aktiv waren und viel Sport gemacht haben, werden im Alter seltener und später krank. Weshalb ist das so? Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, epigenetisch in ein anderes Programm wechseln. Das hält sie länger jung. Und es verringert die Gefahr für eine Reihe so genannter Alters- und Zivilisationskrankheiten.

Von Peter Spork

Heute schon gelaufen? Oder wenigstens mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren? Wenn nicht, sollten Sie sich für den Abend vielleicht noch schnell mit Freunden zum Kicken im Park verabreden oder ins Fitness-Studio gehen. Laut Statistik werden Menschen, die ihr Leben lang aktiv waren und viel Sport gemacht haben, im Alter seltener und später krank. Ihr Risiko für Stoffwechselstörungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden ist deutlich kleiner. Selbst vor Altersdemenz scheint regelmäßiger Sport ein Stück weit zu schützen. Er hält uns vermutlich einfach länger jung. All das ist längst bekannt und konnte in vielen großen epidemiologischen Studien immer wieder bestätigt werden. Nicht umsonst empfiehlt so gut wie jedes Präventionsprogramm neben einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf vor allem: Sport, Sport, Sport.

Sehr viel weniger konnte die Wissenschaft bisher jedoch darüber herausfinden, wie es dem täglichen Schinden und Überwinden überhaupt gelingt, uns widerstandsfähiger zu machen. Welche molekularbiologischen Prozesse stößt es an, wenn ich immer wieder meine zehn Kilometer-Runde laufe, in die Pedale trete, Gewichte stemme oder mich beim Fußball verausgabe? Was passiert in meinem tiefsten Innersten, in den Kernen meiner 37 Billionen Zellen, in denen mein Zellstoffwechsel gesteuert wird?

Sport aktiviert epigenetisches Programm

In einigen Untersuchungen messen Forscher mit Hilfe moderner Apparate, welche Gene in bestimmten Zellen aktiv sind. Die Forscher messen aber auch, welche Aufgaben die Zellen gerade erfüllen, indem sie bestimmte Proteine auslesen und herausfinden, in welchem epigenetischen Programm sich die Zellen zur Zeit befinden. Epigenetische Programme legen fest, welche Gene die Zelle überhaupt benutzen kann und welche nicht – in welchem Modus sie sozusagen arbeitet.

Wissenschaftlern aus Dänemark und den USA gelang es, die schwarze Box zwischen Sport und Alterung genau an diesem Punkt ein wenig heller auszuleuchten.

Die neue Studie ist die aktuellste in einer Reihe gut gemachter und clever angelegter Untersuchungen. Sie haben zwar sämtlich geringe Probandenzahlen, aber erlauben ähnliche Schlussfolgerungen: Menschen, die regelmäßig Sport treiben, wechseln epigenetisch in ein anderes Programm. Das hält sie länger jung. Und es verringert die Gefahr für eine Reihe so genannter Alters- und Zivilisationskrankheiten.

Die Veränderungen schützen vor Diabetes und oxidativem Stress

Unter den Genen, die bei den Sportmuffeln epigenetisch anders reguliert werden als bei den bewegungsfreudigen Menschen, enthalten einige den Bauplan für Enzyme, die die Empfindlichkeit für das Hormon Insulin erhöhen oder in den Zuckerstoffwechsel eingreifen. Beides dürfte ein Stück weit vor Diabetes schützen. Andere leichter aktivierbare und dadurch auch häufiger aktivierte Gene helfen den Zellen im Kampf gegen schädlichen oxidativen Stress, der vor allem bei starken Belastungen entsteht. Oder sie fördern den Muskelaufbau, was zum Beispiel erklären könnte, wieso Menschen, die immer schon viel Sport getrieben haben, ihre Muskeln auch im Alter schneller und effektiver reaktivieren können.

„Zusammenfassend präsentieren wir in unserer Studie eine Gen-Signatur von 745 Genen, die zumindest in der Muskulatur älterer Männer durch deren lebenslange physische Aktivität epigenetisch reguliert wurden“, schreiben die Autor*innen. Anders ausgedrückt belauschen Regenberg und Co exakt das, was der bekannte, in Boston forschende deutschstämmige Stammzellforscher Rudolf Jaenisch schon vor Jahren als „das Gespräch zwischen Erbe und Umwelt“ bezeichnet hat: das permanente, unentwirrbare Wechselspiel zwischen äußeren Einflüssen und Lebensstilfaktoren und der Epigenetik.

Die Umwelt – in diesem Fall der Sport – zwingt den Zellstoffwechsel zu einer Reaktion, worauf die Zelle epigenetisch antwortet und ihr Genaktivierbarkeitsmuster verändert. Dadurch kann sie in Zukunft besser auf ähnliche Umweltreize reagieren.

Eine weitere Studie von Forscher*innen am schwedischen Karolinska-Institut im Jahr 2012 zeigte, dass kurzfristige Einflüsse wie Sport oder Stress unsere Zellen vermutlich nicht dauerhaft umprogrammieren. Halten die Reize aber länger an und kehren sie zudem häufig zurück, scheinen die Zellen ihre epigenetischen Veränderungen irgendwann „regelrecht einzufrieren“, wie es der Basler Epigenetiker Renato Paro formuliert.

Hund und Mädchen rennen durch den Wald

Sechs Monate Sport verändern Fett- und Muskelzellen

Dafür spricht nicht nur eine neue dänisch-US-amerikanische Studie. Schon im Jahr 2013 zeigte ein anderes schwedisches Forscher*innenteam von der Universität Lund, dass ein sechsmonatiges Sportprogramm die Epigenetik von Fettzellen grundlegend umbaut. Die Schweden verordneten 23 unsportlichen Männern ein sechsmonatiges Trainingsprogramm. Dann verglichen sie epigenetische Schalter in Fettzellen, die vor und nach dem Zeitraum entnommen worden waren. Ein Unterschied fand sich an 7.663 Genen, darunter 18, deren Aktivität bekanntermaßen das Übergewichtsrisiko beeinflusst und 21, die schon länger mit Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht werden.

Die eleganteste und inzwischen auch bekannteste aller Untersuchungen dieser Art ist aber jene von Maléne Lindholm und Kolleg*innen. Wie die neueste Studie wurde auch sie am Stockholmer Karolinska-Institut durchgeführt. Eine Hauptrolle spielen hier ein paar eigenartige Trainingsfahrräder. Erneut waren es 23 untrainierte Probanden, dieses Mal aber junge Frauen und Männer, die ganz im Dienst der Wissenschaft auf diesen Ergometern drei Monate lang ihre Beinmuskulatur stärkten. Das Besondere: Die Geräte hatten nur eine Kurbel. Die angehenden Sportler*innen, die immerhin vier Mal pro Woche eine Dreiviertelstunde auf den Ergometern schwitzten, radelten einbeinig. Welches Bein sie trainierten, war zuvor ausgelost worden. Das andere blieb ungeübt.

Das Training blieb natürlich nicht ohne Effekt. Die Muskulatur am trainierten Bein veränderte sich rein äußerlich, und auch der Stoffwechsel von Zellen an diesem Bein stellte sich um. Verantwortlich waren auch hier epigenetische Strukturen, die für neue Genaktivierbarkeitsmuster in den Zellen sorgten. Das heißt, der Satz an Genen, der den Zellen zur Verfügung stand, hatte sich gewandelt. Dadurch verwandelten sich sozusagen einst schlappe, untrainierte Muskelfasern in Kraft und Energie strotzende, effizient arbeitende Bündel, wie man sie von umfassend trainierten Athleten kennt.

Radeln mit einem Bein – für die Wissenschaft

Was die Studie berühmt machte, war der Einsatz der einkurbeligen Ergometer. Sie sorgen für eine statistisch saubere und wenig fehleranfällige Art der Ergebniskontrolle. Die Effekte zeigten sich, wie bereits erwähnt, nur in den trainierten Beinen. Die Epigenetik der untrainierten Beine, obgleich selbstverständlich genetisch identisch und allen Umwelteinflüssen außer dem Training in gleichem Maße ausgesetzt, blieb praktisch unverändert.

Im Detail entdeckten Lindholm und ihr Team an knapp 5.000 Stellen des Erbguts Unterschiede zwischen dem trainierten und dem untrainierten Zustand. Der DNA-Code war natürlich unbeeinflusst. Aber seine epigenetische Gebrauchsanweisung hatte sich umgekrempelt. Die Forscher schauten sich schließlich die 800 deutlichsten systematischen Veränderungen genauer an. Besonders häufig betraf die Umprogrammierung so genannte Verstärker-Elemente, die die Aktivierbarkeit benachbarter Gene und Gen-Gruppen verbessern.

Kein Wunder, dass sich in den Zellen der Einbein-Fahrradfahrer auch die Gen-Aktivität gewandelt hatte. Der Zellstoffwechsel war ein anderer geworden. Das erklärt natürlich auch, warum das dreimonatige Training den Probanden einen völlig anderen Fitnesszustand verpasst hatte. Exakt 4.076 Gene wurden im Muskel des trainierten Beins mehr oder weniger stark abgelesen als im untrainierten Bein oder im gleichen Bein vor dem Training. Das ist immerhin ein knappes Fünftel aller Gene, die wir Menschen überhaupt besitzen. Selbstverständlich waren darunter auch einige, von denen man längst wusste, dass sie wichtig für die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Muskelzellen sind – aber auch eine Menge weniger gut untersuchter Gene, deren Funktion man noch nicht so genau kennt.

Nun fütterten die Forscher*innen ihre Computer mit den Daten und berechneten, welche Netzwerke jene Gene miteinander knüpften, deren Aktivierbarkeit das Training verändert hatte. Dabei zeigte sich: Gemeinsam kümmern sie sich um Dinge wie den Muskelfaseraufbau, den Zell-Energiehaushalt, den Kohlenhydratstoffwechsel oder die Bildung von Fettgewebe, das als Energiespeicher dient. Maléne Lindholm war entsprechend begeistert: „Mit so etwas einfachem wie Sport können wir so viele verschiedene Gene für unsere Gesundheit aktivieren.“

Alle Studien zeigen: Sport wirkt!

Was damals natürlich auch eine Menge Skeptiker auf den Plan rief, ist nun dank der neuen Daten einmal mehr bestätigt worden. Auch wenn die Aussagekraft jeder einzelnen dieser mittlerweile recht zahlreichen Studien überschaubar bleibt, so bestätigen sie das zugrunde liegende Prinzip doch immer wieder: Sport wirkt. Und vermutlich wirkt er auch deshalb, weil er unsere Epigenetik verändert.

Mir persönlich reicht das ehrlich gesagt bereits als Motivation: Ich mache jetzt eine Arbeitspause und gehe erstmal laufen.

Dieser Beitrag ist zuerst bei RiffReporter im Projekt Erbe&Umwelt erschienen und wurde als 3. Teil der Epigenetik-Serie für unseren Blog in einer autorisierten, leicht gekürzten Version übernommen.

Lust auf mehr? Noch mehr Tipps für ein langes Leben findest du im 2. Teil der Epigentik-Reihe: „Wer meditiert und wenig isst, bleibt länger jung?“.

 

 

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Mehr von Peter Spork gibt es in diesem Video (von unserem YouTube-Channel).

„Gesundheit ist kein Zufall“ heißt der Vortrag, den er 2019 für die Belegschaft der BKK ProVita hielt und den wir aufzeichnen durften.

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