Vorstand der BKK ProVita regt Diskussion über Nachhaltigkeits-Kriterien bei der Vergabe von Arzneimittel-Rabattverträgen an

Am 18. November 2020 ist der 13. Europäische Antibiotikatag. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) mahnt zu verantwortungsvollem Umgang mit Antibiotika, denn Antibiotika-Resistenzen nehmen erschreckend stark zu. Diesem großen, globalen Problem kann nur begegnet werden, wenn alle Beteiligten mithelfen. Andreas Schöfbeck, Vorstand der BKK ProVita, erläutert die Zusammenhänge.

Von Andreas Schöfbeck

Mehr als 33.000 Menschen sterben in Europa jährlich an den Folgen von Antibiotika-Resistenzen. Alle Experten sind sich einig: Es ist höchste Zeit, dass konsequente Maßnahmen gegen diese Bedrohung ergriffen werden. Denn wenn unsere Antibiotika nicht mehr wirken, ist die Gesundheit der Menschen massiv bedroht und ein großer medizinischer Fortschritt zunichtegemacht. Das ECDC mahnt anlässlich des 13. Europäischen Antibiotikatages am 18. November 2020: „Jeder ist für die Bekämpfung dieser Bedrohung der menschlichen Gesundheit verantwortlich.“

Ich bin der Meinung, auch Krankenkassen können und müssen ihren Einfluss geltend machen. Es ist höchste Zeit, dass wir Verantwortung für unsere Gesundheit und für die Gesundheit der folgenden Generationen übernehmen. Bei der BKK ProVita haben wir bereits erste Schritte für eine Verbesserung der Situation eingeleitet, indem wir eine Diskussion über Nachhaltigkeitskriterien bei der Vergabe von Arzneimittel-Rabattvereinbarungen initiiert haben. Außerdem unterstützen wir Versicherte, die mehr natürliche Heilmittel und weniger Antibiotika anwenden wollen.

Doch werfen wir einen Blick zurück. Worum geht es genau?

Die Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928 rettete viele Menschen

Seit 70 Jahren retten das Penicillin und nachfolgende Antibiotika-Generationen unzählige Menschenleben. Damals hat der englische Mediziner Alexander Fleming das Penicillin, einen Bakterien abtötenden Schimmelpilz, entdeckt. Diese neue Entdeckung stellte einen wichtigen Fortschritt in der Gesundheitsversorgung dar. Endlich konnten Infektionskrankheiten, die bis dahin oft tödlich endeten, erfolgreich bekämpft werden.

Die Wirkung des „Wundermittels“ lässt nach

Bis heute sind die „Wundermittel“ aus der medizinischen Versorgung nicht mehr wegzudenken. Doch immer öfter lässt ihre Wirkung nach oder stellt sich gar nicht ein. Bakterien, die mit den meisten Antibiotika nicht bekämpft werden können, sogenannte multiresistente Erreger, sind auf dem Vormarsch. Ich finde die Zahlen erschreckend: 2018 hat das ECDC eine Studie zur Krankheitslast durch multiresistente Erreger für ganz Europa veröffentlicht, an der auch Wissenschaftler des Robert Koch Instituts beteiligt waren. Die Studie basiert auf europaweiten Zahlen aus dem Jahr 2015.

60 Fälle allein bei den Versicherten der BKK ProVita

Den Hochrechnungen zufolge erkranken in Europa jedes Jahr ca. 670.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger. In Deutschland sind es rund 54.500 Menschen pro Jahr[1]. Die Betriebskrankenkassen in Deutschland mit ihren knapp 11 Millionen Versicherten verzeichneten im Jahr 2018 insgesamt 6.378 Erkrankungen[2]. Allein bei unserer Kasse gab es 60 Fälle unter den rund 120.000 Versicherten[3].

Um gegen Antibiotika-Resistenzen vorgehen zu können, muss man ihre Entstehung betrachten: Bakterien entwickeln durch Veränderungen des Erbgutes (Mutationen) oder durch Übertragung der Resistenzeigenschaften von einem Bakterium auf ein anderes Widerstandsfähigkeiten gegen Umwelteinflüsse wie Antibiotika. Durch den massiven Einsatz von Antibiotika ist der Druck auf die Bakterien sehr groß, Resistenzen zu entwickeln – und das tun sie auch.

Bei der Entstehung von multiresistenten Keimen handelt es sich um ein globales Problem, das ganz unterschiedliche Ursachen hat:

1. Übermäßiger Einsatz von Antibiotika in Tierzucht, Obst- und Gemüseanbau

Eine davon ist der häufige Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft. Er führt dazu, dass immer mehr Erreger gegen Antibiotika resistent werden. Dank der Reform des Arzneimittelgesetzes von 2014 ist der Einsatz zwar zurückgegangen, aber er ist immer noch hoch. Ein großes Problem ist, dass in der Tierzucht auch sogenannte Reserve-Antibiotika eingesetzt werden, die eigentlich nur in besonderen Fällen zum Einsatz kommen sollen, nämlich dann, wenn kein anderes Antibiotikum wirkt. Dies führt auch dazu, dass sich in Fleisch oftmals Salmonellen und andere Erreger befinden, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sind. „Resistente Bakterien, die in der Tiermast entstehen, treffen früher oder später auch uns Menschen. Deshalb muss die Politik jetzt handeln“, fordert auch der Marburger Bund[4], ein Berufsverband und eine Fachgewerkschaft für Ärzte in Deutschland.

Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ist für mich ein schlagkräftiges Argument für die pflanzliche Ernährung: Vegetarier und Veganer entgehen den Antibiotika-Rückständen im Fleisch und entziehen sich der qualvollen Massentierhaltung, in der die Antibiotika überwiegend zum Einsatz kommen.

2. Zu häufige Verordnung in der Humanmedizin?

Die ECDC macht aber auch die zu häufige Einnahme von Antibiotika durch Menschen für die Zunahme der Antibiotika-Resistenzen verantwortlich. Als Vorstand einer Krankenkasse beobachte ich, dass bei der Behandlung von Kranken sehr schnell Antibiotika verordnet werden. Ich glaube, es wäre viel wichtiger, dass sich Ärzte mehr Zeit für ihre Patient:innen nehmen und dass sich diese mehr Zeit zum Genesen gönnen.

Ich bin auch der Meinung, dass den Menschen Alternativen angeboten werden müssen. Denn ich weiß: In vielen Fällen lassen sich bakterielle Infektionen auch ohne Antibiotika behandeln. Die BKK ProVita fördert die Eigenverantwortung ihrer Versicherten für ihre Gesundheit und klärt sie darüber auf, wie sie ihre Immunabwehr auf natürlichem Weg stärken können.

3. Unzureichende Umweltauflagen bei der Produktion im Ausland

Eine weitere Ursache der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen ist die Art ihrer Produktion. Pharma-Hersteller lassen die meisten Antibiotika in Fernost produzieren, weil dort die Herstellungskosten gering sind. Im Jahr 2017 recherchierten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung über die Antibiotika-Produktion in Indien. Sie entdeckten große Mengen von Antibiotika in Wasserproben aus Hyderabad, Indiens Pharma-Hochburg. Anscheinend geraten dort Antibiotika bei der Produktion in die Umwelt[5]. Die Folge: Sie erzeugen gefährliche Resistenzen.

Antibiotika-Resistenzen und Corona:

  • Die Corona-Pandemie zeigt den Menschen, wie hilflos die ganze Welt Krankheitserregern gegenübersteht, gegen die es kein Heilmittel gibt.

  • Die Gefahren der Abhängigkeit von Arzneimittellieferungen aus dem Ausland werden während der Corona-Pandemie deutlich. Vielfach wurde die Forderungen nach der Rückholung der Arzneimittelproduktion gestellt

  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einer Zunahme von Antibiotika-Resistenzen aufgrund der Corona-Pandemie: Bei der Behandlung von Corona-Infizierten komme es zu vermehrtem Antibiotika-Einsatz, der bei leichten Verläufen nicht notwendig sei, aber die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen befeuere. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte bei einer Pressekonferenz Anfang Juni: „Dadurch werden mehr Bakterien Resistenzen entwickeln und Krankheiten und Todesfälle werden zunehmen, während der Pandemie und danach.“

Vernetztes Handeln gegen Resistenzen

Die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen ist ein globales Problem. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschäftigt sich seit vielen Jahren damit. „Die Antibiotika-Resistenz ist eines der dringendsten Gesundheitsrisiken unserer Zeit und droht hundert Jahre medizinischen Fortschritts zunichtezumachen“, warnte WHO-Generaldirektor Ghebreyesus im Juni 2018. Eine Lösung dafür zu finden, sei „eine der dringendsten Herausforderungen im Gesundheitsbereich“.

Auch die Bundesregierung kennt die Probleme und hat im Jahr 2015 die Deutsche Antibiotikaresistenz-Strategie DART 2020 verabschiedet, in der sie sechs Ziele zur Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen festschreibt. Dazu gehören Forschung, Aufklärung und die Kooperation aller Beteiligten.

Fachleute wissen: Um Antibiotika-Resistenzen einzudämmen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die ECDC zählt Patienten, Ärzte, Krankenpfleger, Apotheker, Tierärzte, Landwirte und politische Entscheidungsträger zu den Verantwortlichen.

Forderung der BKK ProVita: Nachhaltigkeitskriterien in Vergabeverfahren aufnehmen

Auch wir Krankenkassen können einen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten. Die BKK ProVita übernimmt Verantwortung: Wir haben bei unserem Partner für Beschaffungsmanagement spectrumK angeregt, neben der Qualität des Endproduktes auch Nachhaltigkeit in die Vergabekriterien bei Arzneimittel-Ausschreibungen aufzunehmen.

Daraufhin hat spectrumK zusammen mit Pro Generika, dem Verband der Generika- und Biosimilar-Unternehmen in Deutschland, in einem Workshop mit Vertretern von Krankenkassen und Generika-Herstellern mögliche Nachhaltigkeitskriterien erörtert. Schnell wurde klar, dass Nachhaltigkeit nicht einfach in die Vergabekriterien aufgenommen werden kann. Denn es gibt zahlreiche verschiedene Schritte in der komplexen Lieferkette für die Arzneimittelherstellung, und die am Prozess beteiligten Unternehmen agieren weltweit, was die Einheitlichkeit von Standards bzw. deren wirksame Umsetzung erschwert.

Dialog über mehr Nachhaltigkeit in der Arzneimittelproduktion initiiert

Die Teilnehmer:innen des Workshops begrüßten die Idee und das Engagement, sich gemeinsam den Problemen zu nähern. Yves Rawiel, Geschäftsführer von spectrumK, sieht es als wichtigen Schritt an, den Dialog über mehr Nachhaltigkeit in der Arzneimittelproduktion zu initiieren. „Grundsätzlich stehen wir Maßnahmen, die zu besserem Umweltschutz führen und damit auch gesundheitsfördernd wirken, positiv gegenüber“, sagte Rawiel in einer anschließenden Pressemitteilung.

Ich freue mich, dass wir auch bei Pro Generika und den Generika-Herstellern auf offene Ohren gestoßen sind. Sie haben ihre aufgeschlossene Haltung zu diesem wichtigen Thema bekundet und den Dialog mit den Krankenkassen über mögliche Nachhaltigkeitskriterien in ihren Arzneimittel-Ausschreibungen begrüßt.

Alle müssen an einem Strang ziehen

Wir als Krankenkasse wissen: Die momentan billigste Lösung ist nicht immer die beste. Deshalb freuen wir uns, dass spectrumK und Pro Generika unsere Anregung aufgenommen haben und mit uns einen ethisch wertvollen und nachhaltigen Weg weitergehen wollen.[6]

Weitere Informationen: https://antibiotic.ecdc.europa.eu/de

[1] Robert Koch Institut: Neue Zahlen zu Krankheitslast und Todesfällen durch antibiotika-resistente Erreger in Europa https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Antibiotikaresistenz/Uebersichtsbeitraege/AMR_Europa.html, abgerufen am 03.11.2020

[2] Zahlen der BKK ProVita

[3] Zahlen der BKK ProVita

[4] Artikel in der Ärzte-Zeitung vom 17.07.2019
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/992608/marburger-bund-fordert-antibiotika-tiermast-einschraenken.html, abgerufen am 03.11.2020

[5] Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken
https://www.tagesschau.de/ausland/antibiotika-113.html, abgerufen am 03.11.2020

[6] Folgen der Pandemie: Corona könnte Antibiotika-Krise verschärfen
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/coronavirus-antibiotika-101.html, abgerufen am 03.11.2020